TAG 11

 HÜBEN UND DRÜBEN - EIN GUTER TOD

Heute ist Tag 11 des DEMENZ IST ANDERS Onlinesymposiums und der Themenschwerpunkt lautet:

HÜBEN UND DRÜBEN – EIN GUTER TOD.

Sterben gehört zum Leben. Und doch tun wir als Gesellschaft alles dafür, nicht darüber nachdenken zu müssen. Heute tun wir hier das Gegenteil.

𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗶𝗮 𝗖𝗮𝗿𝗱𝗶𝗻𝗮𝗹 ist Gründerin und Leiterin der Sterbeammen-Akademie mit Hauptsitz in Hamburg, vielfache Buchautorin und eine der wichtigsten Stimmen im Bereich der Sterbe- und Trauerbegleitung im deutschsprachigen Raum. Sie macht außerdem den Podcast „Hüben + Drüben", der diesem heutigen Tag seinen Namen gegeben hat. Sie kam zu diesem Thema durch den schmerzhaftesten aller Wege: den Tod ihrer ersten Tochter. Was sie daraus gemacht hat, ist außergewöhnlich. In unserem Gespräch greift sie auf ein Bild von Platon zurück – die Kutsche als Körper, das Pferd als Gefühl, der Kutscher als Verstand, der Fahrgast als Seele – und fragt: Was passiert mit uns als Gesellschaft, wenn der Verstand den Kutschbock verlässt? Ihre Antwort ist unbequem und zugleich befreiend: Vielleicht sind Menschen, die jenseits des Verstandes leben, im Gefühl, im Moment, in der Echtheit zuhause sind, genau die Lehrmeister, die wir brauchen. Claudia Cardinal spricht über Würde, über Sinn, über Sinnhaftigkeit als Grundbedürfnis des Lebens – und über das, was wirklich bleibt, wenn der Verstand sich zurückzieht.

Dr. 𝗥𝗮𝗶𝗺𝘂𝗻𝗱 𝗞𝗹𝗲𝘀𝘀𝗲 ist Psychiater, Psychotherapeut und seit 2004 Präsident von Alzheimer Graubünden. Er ist ein entschiedener Gegner des assistierten Suizids bei Demenz – und er begründet das nicht moralisierend, sondern mit jahrzehntelanger klinischer Erfahrung und mit den Erkenntnissen der Suizidforschung. Als in der Schweiz in den 90er Jahren aktive Sterbehilfe eingeführt werden sollte, hat er die Hippokratische Gesellschaft Schweiz mit gegründet, die sich dagegen eingesetzt hat – mit Erfolg. Sein zentrales Argument: Der Mensch will sich nicht töten. Er will in einer unerträglichen Situation so nicht mehr weiterleben. Und wenn er spürt, dass es andere Wege gibt, nimmt er sie. Was ihn besonders besorgt, ist die Entwicklung in der Schweiz, wo assistierte Suizide inzwischen fast doppelt so häufig sind wie nicht assistierte – fast ausschließlich bei alten Menschen. Für ihn ist das kein Zeichen von Freiheit, sondern ein gesellschaftliches Alarmsignal. Er plädiert leidenschaftlich dafür, stattdessen das Lebensumfeld von Menschen mit Demenz besser zu gestalten. Und er erzählt eine Geschichte, die ich so schnell nicht vergessen werde.

𝗔𝗻𝗸𝗲 𝗙𝗲𝗶𝗲𝗿𝗮𝗯𝗲𝗻𝗱 ist Violinistin, Musikpädagogin und Pionierin des Instrumentalunterrichts für Menschen mit Demenz. Heute spricht sie mit mir über ein ganz anderes, aber ebenso wichtiges Thema: das Sterbefasten. Der Vater ihrer Kinder litt jahrzehntelang an schwerer MS – und hat sich am Ende seines Lebens bewusst dafür entschieden, keinen assistierten Suizid in Anspruch zu nehmen, sondern den natürlichen Weg des Sterbefastens zu gehen. Seine Kinder und Anke Feierabend haben ihn dabei rund um die Uhr begleitet – in Liebe, in Würde, in Frieden. Was sie erlebt haben, war kein qualvolles Verdursten, wie viele Menschen befürchten, sondern ein stilles, friedvolles Loslassen. Ein bewusstes Einleiten eines natürlichen Sterbeprozesses, der – wenn er liebevoll begleitet wird – von einer ganz besonderen Qualität sein kann. Anke Feierabend erzählt diese Geschichte mit einer Offenheit und Wärme, die berührt. Und sie klärt darüber auf, was wir alle jetzt schon tun können, damit wir später selbstbestimmt und in Würde gehen dürfen.

Drei Menschen, drei Blicke auf den Tod – und alle drei zeigen, dass ein guter Tod möglich ist.

Ich freue mich wie immer auf Deine Gedanken dazu!

Sprecher:innen des Tages:

 Claudia Cardinal (ab 9:00 Uhr), Raimund Klesse (ab 12:00 Uhr), Anke Feierabend (ab 15:00 Uhr)

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Die heutigen Beiträge der Expert:innen

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Claudia Cardinal

Claudia Cardinal ist Sterbeamme, Dozentin, Autorin und Heilpraktikerin. Sie gründete und leitet die Sterbeammen-Akademie. Seit 25 Jahren begleitet sie Sterbende und deren Angehörige in Lebenskrisen. Ihr Buch „Die Insel der Vergesslichen“ unterstützt Betroffene und Angehörige im Umgang mit Demenz.

Dr. Raimund Klesse

Raimund Klesse ist Facharzt für Psychotherapie in Chur mit Spezialisierung auf Alterspsychiatrie. Er kritisiert die Suizidhilfe bei Demenz scharf und plädiert für angstfreie Begleitung. Er leitet die Alzheimer-Vereinigung Graubünden und die Hippokratische Gesellschaft Schweiz.

Anke Feierabend

Nach einer sehr schönen persönlichen Erfahrung mit Sterbefasten gibt sie ihr Wissen in diesem Bereich weiter. Als Pionierin des Instrumentalunterrichts für Menschen mit Demenz schenkt Anke Feierabend ihren Schüler:innen aktive kulturelle & soziale Teilhabe und Erfolgserlebnisse.

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